Swisswool-Gründer Friedrich Baur im Interview

Friedrich Baur stammt aus einer Familie mit langer Wolltradition. Zusammen mit seinem Bruder führt er das Familienunternehmen Baur Vliesstoffe in Bayern – einen der grössten Verarbeiter von heimischer Wolle. Swisswool hat er gegründet, um den lokalen Rohstoff Schweizer Wolle aufzuwerten und die Schafbauern zu unterstützen, denen damals die Wollsubventionen gestrichen wurden.

Deine Familie verarbeitet seit mehr als hundert Jahren Wolle. Wolltest Du schon immer Wollmann werden?

Friedrich Baur: Eigentlich wollte ich Gleitschirmlehrer werden, aber mir war klar, dass ich etwas studieren sollte. Ich entschied mich für Betriebswirtschaft. Es ging mir darum, eines Tages das Familienunternehmen übernehmen zu können.

Swisswool Logo Etikett gewoben

Was ist dir als Unternehmer wichtig?

Mein Grossvater hat immer gesagt: Ein Geschäft ist nur dann ein gutes Geschäft, wenn es für beide Seiten gut ist. Unsere Kunden sind mir wichtig, ebenso die faire Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten. Diesen Grundsatz beherzige ich mit Swisswool, indem wir den Bauern beispielsweise Preise bezahlen, die über dem internationalen Marktwert liegen.

Wie kam es zur Gründung von Swisswool?

2010 wurden in der Schweiz die Subventionen für Wolle gestrichen und die staatliche Wollabgabezentrale aufgelöst. Plötzlich war niemand mehr da, der grosse Wollmengen verarbeiten konnte. Immerhin werden in der Schweiz mehr als 700 Tonnen Wolle pro Jahr geschoren. Der Schweizerische Schafzuchtverband suchte nach einer Lösung und fragte mich an, ob ich eine Möglichkeit sehe, die Schweizer Wolle, welche jedes Jahr anfällt, aufzukaufen und zu verarbeiten.

Unser Familienunternehmen liefert seit 1998 auch an Schweizer Matratzenhersteller. Als dann ein grosser Hersteller bereit war, auf das teurere «Schweizer Vlies» umzustellen, habe ich dem Schafzuchtverband zugesagt. Das war die Geburtsstunde von Swisswool.

Swisswool entwickelt seit Kurzem auch eigene Produkte für den Online Shop. Warum?

Zu Beginn war Swisswool eine Art Zwischenhändler, der Schafschurwolle von den Schweizer Bauern kaufte, zu Vliesstoffen und Dämmungsmaterial weiterverarbeitete und dann weiterverkaufte. Das Swisswool-Logo auf den Endprodukten garantiert, dass Schweizer Wolle verwendet und den Bauern faire Preise bezahlt wurden. Zudem verlangt Swisswool von seinen Partnern ein Bekenntnis zur nachhaltigen Produktionsweise.

Eigene Produkte entwickeln wir, um die Wertschätzung und Verwertung der Wolle noch mehr zu steigern. Wir können gezielter limitierte Produkte aus speziellen Wollen und Resten herstellen. Swisswool-Produkte bestehen aus möglichst viel Schweizer Wolle, während die Produkte unserer Partner meist Mischprodukte aus unterschiedlichen Materialien sind.

Schweizer Wolle hat ein eher kratziges Image. Warum kaufst du dennoch jedes Jahr rund 300 Tonnen davon?

Mich faszinieren die unvergleichbaren Eigenschaften von Wolle: Wolle nimmt Schadstoffe auf, verbessert die Luft, gleicht Temperatur und Feuchtigkeit aus, ist schwer entflammbar und kann am Ende der Nutzung kompostiert bzw. dem natürlichen Kreislauf wieder zugeführt werden. Was Wolle alles leisten kann, ist einfach unglaublich, zudem wächst der Rohstoff jedes Jahr nach. Kein anderes Material kann das.

Auch Schweizer Wolle besitzt all diese genialen Eigenschaften; wegen den klimatischen Bedingungen sind die Wollfasern jedoch dicker als im heissen und trockenen Australien. Darum ist Schweizer Wolle nicht geeignet, um direkt auf der Haut zu tragen. Mich spornt das an, um neue Verarbeitungswege zu finden. Entscheidend ist, diesen genialen Rohstoff, der vor unseren Haustüren wächst, sinnvoll zu nutzen und seinen Wert zu schätzen.

Swisswool_Wollfaser_Schafschurwolle
Swisswool Schweizer Wolle Detailaufnahme

Kannst du Beispiele für einen neuen Verarbeitungsweg nennen?

Mit Baur Vliesstoffe habe ich ein waschbares Vlies entwickelt, wir nennen es Lavalan. Dieses wird als natürliche und atmungsaktive Isolationsschicht in Outdoor-Sportbekleidung verwendet. Diese Verarbeitungstechnik eignet sich optimal für Schweizer Wolle in A-Weiss-Qualität. Eine weitere Entwicklung sind Akustikpaneele, die ich unter der Marke Woopies verkaufe. In diesen können wir grosse Mengen an Schweizer Mischwolle verarbeiten, also farbige und melierte Schafschurwolle, die für herkömmliche Verwendungen wie Wolldecken oder Matratzenauflagen ungeeignet ist.

Wolle ist also nicht gleich Wolle?

Richtig. Es gibt sehr unterschiedliche Qualitäten. Doch man kann jede Wollart nutzen und ein sinnvolles Produkt daraus herstellen. Deshalb nehmen wir alles an Wolle, was die Schafbauern zu den Swisswool-Ankaufstellen bringen, nicht nur top A-Weiss-Qualität. Das unterscheidet uns von anderen Wollverwertern.

Diese Vielfalt, sowie immer eine passende und möglichst lokale Verarbeitung zu finden, ist eine echte Aufgabe. Aber genau das macht unsere Arbeit spannend.

Swisswool-Wollannahme-in-Rothenthurm Maenner bei der Arbeit

Was ist deine Rolle bei Swisswool?

Ich bin der kreative Kopf und der Woll-Nerd. Schon als Kind habe ich beim Wollsortieren mitgeholfen. Später habe ich monatelang in Neuseeland und Südamerika auf Schaffarmen und im Wollhandel gearbeitet. Den alten Wollhändlern habe ich immer aufmerksam zugehört und beim Wolleinkauf auf die Finger geschaut. Mit der eigenen Firma Baur Vliesstoffe ist viel Erfahrung im Bereich Produktion dazugekommen. So habe ich mir ein fundiertes Wollwissen aufgebaut. Ich weiss, wie man welche Wollqualität verarbeiten kann und muss. Ideen, was man aus Wolle noch alles machen könnte, werden mir nicht so schnell ausgehen.

Friedrich Baur lebt mit seiner Familie in Dinkelsbühl in Bayern, wo Baur Vliesstoffe ihren Firmensitz hat. Für Kreativarbeit zieht er sich gerne in sein Haus in Buchs (SG) zurück, wo auch der Sitz seiner Firma Nawarotec ist, welche hinter der Marke Swisswool steht. Der begeisterte Bergsportler hat drei Kinder und liebt die Schweizer Berge.