Nomadin der Saison

Text von Sandra Henderson

Zu Besuch bei der deutschen Landwirtin, die seit 16 Sommern in der Schweiz Rinder, Kühe, Ziegen und Schafe hütet.

Hirten sind ein wichtiger Teil im Räderwerk von Swisswool. Ohne sie könnten Swisswool und die Schweizer Bergbauern die Mission des Landschaftsschutzes niemals erfüllen. Dank der passionierten Arbeit der Hirten — der Sömmerung der Schafe — bleibt das einzigartige Naturparadies Schweizer Alpen erhalten. 

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Doch es braucht schon eine ganz besondere Frau, um den ganzen Sommer einsam und ohne Komfort mit den Schafen auf der Alp zu leben. Antje Felchner ist so ein spezieller Mensch. Die 46-Jährige liebt die Freiheit, die ihr die Arbeit als Hirtin in der Schweiz für ein paar Monate im Jahr gibt. 

»Du bist zwar angestellt, aber wenn du auf der Alp bist,
und es läuft, dann bist du dein eigener Herr da oben.«

In zwei Tagen ist es wieder soweit. Dann macht sich die Hirtin mit rund 900 Schafen von 10 verschiedenen Bauern aus der Umgebung auf den steilen Weg hinauf zu den Sommerweiden. Allein. Für die gelernte Landwirtin und Landwirtschaftstechnikerin aus der Stuttgarter Gegend ist dies der sechzehnte Sommer als Hirtin in der Schweiz. Nach dem Alpabtrieb im Herbst kehrt die saisonale Nomadin gewöhnlich heim nach Deutschland und arbeitet den Winter über auf Höfen, wo extra Hände gebraucht werden.

Faszination Freiheit

Felchner hat die Faszination der Freiheit sofort im ersten Alpsommer gepackt. »Du bist zwar angestellt, aber wenn du auf der Alp bist, und es läuft, dann bist du dein eigener Herr da oben«, schwärmt sie. Ihr Fachwissen und viele Jahre Erfahrung mit Tieren sei zwar beruhigend, sagt die Hirtin, doch auf der Alp sei dann doch alles ganz anders: Hoch oben auf der Sommerweide laufen die Schafe frei herum. Die Hirtin ist allein mit ihrer Herde, der Natur ausgesetzt. Sie musste im Laufe der Jahre lernen loszulassen. »Ich bin immer noch im Prozess zu lernen, dass ich nicht immer das Gefühl habe, ich muss die totale Kontrolle behalten. Die hast du nie«. Unwetter fügt sie sich unverzagt. »Wenn man draussen ist, ist man halt draussen«, sagt sie treffend.

Verantwortung: Das Schwierigste am Hirtendasein

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Felchner trägt monatelang allein die Verantwortung für hunderte von Tieren, deren Besitzer nur mühsam zu erreichen sind. Sie muss im Notfall rasch beurteilen, wann sie den Bauern hinzu zieht, der dann entscheidet, ob ein Tierarzt auf die Alp gesandt wird oder ein Tier ausgeflogen werden muss, tot oder lebendig. Im vergangenen Sommer riss ein Wolf 20 Schafe aus Felchners Herde. Die meisten lebten noch und mussten vom Wildhüter erlöst werden. Mit dieser Verantwortung und mit dem Verlust von Tieren muss sie klarkommen. Das, so offenbart Felchner, sei ihre grösste Herausforderung als Hirtin. »Aber Dinge passieren halt auf der Alp«, räumt sie ein. »Tiere stürzen ab und sterben. Das finde ich das Schwerste, dann auch sich selber zu verzeihen. Das belastet mich persönlich am meisten«.

Das Hirtenleben auf der Alp

Felchner hat sich an das karge Leben auf der Alphütte gewöhnt. Diesen Sommer erwartet sie auf ihrer Alp immerhin Wasser vor der Hütte und kleine Solarpaneelen die ausreichen, um ihr Handy und eine Lampe zu laden. Was eine Hirtin monatelang isst auf der Alp? Vorwiegend Trockenwaren, wie Nudeln, Reis und Couscous, und Konserven. Die Nahrungsmittel für den Sommer lässt sich Felchner vorher mit dem Helikopter hochfliegen. Zur Ladung gehören dann auch Brennholz, Salz für die Tiere und viele, viele Bücher. 

Hunderte emsiger Landschaftspfleger

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Die Hirtin hat den Auftrag, die Schafe Pflanzen abknabbern zu lassen, um ein bestimmtes Terrain zu pflegen. Dafür muss sie zum Beispiel planen, wann und wie lange sie die Tiere auf einer Weidefläche lässt. »Dafür sind wir Hirten inzwischen da«, sagt sie. »Die Alpen sind so konzipiert, dass die Schafe behirtet werden, und immer zwei Wochen in einem bestimmten Gebiet sein sollen.« So wird Überweidung vermieden, und die gezielte Beweidung gefördert. Die Hirten erhalten eine Karte mit ihrem festgelegten Weidegebiet und führen ein Journal darüber, wann die Schafe wo weideten. Wenn eine Gruppe von Schafen abwandert, muss Felchner sie an deren designierten »Arbeitsplatz« zurückbringen.

Schafe: Sturköpfe und tolle Mütter

»Schafe haben den Ruf, dass sie ein bisschen dumm sind und scheu. Und sie sind schon speziell, aber irgendwie ganz tolle Tiere. Die haben einen richtigen Sturkopf, wenn sie etwas wollen«, erzählt die Hirtin. »Und sie sind ganz tolle Mütter. Ich finde das bemerkenswert, wie die sich mit ihren Lämmern in dieser riesigen Herde wiederfinden«.

Bei einer Herde von 900 Tieren hat Felchner keine persönliche Beziehung zu einzelnen Schafen. »Es gibt kaum anhängliche Schafe, die zum Streicheln kommen«, sagt sie. Sie sehe sich mehr als die Aufpasserin, die stets beobachtet, wo die Schafe sind und was sie tun. »Man ist halt der Hirte, der gute Hirte.«